Tourismusgeschichte
...Seit Jahrhunderten ziehen Reisende über die Alpen:
Händler, Pilger, Künstler. Unterwegs zu sein ist auch im 18. Jh. noch kein Vergnügen, es
ist mühsam und gefährlich. Die Berge verbreiten Angst. Man ist froh, sie hinter sich zu lassen.
Poststationen und Gaststätten sind Orte der Zufl ucht inmitten feindlicher Natur. Hier finden
die Reisenden gegen bares Geld alles, was sie unterwegs brauchen:
Frische Pferde, Ersatz für ein gebrochenes Rad und Hilfe gegen einen schmerzenden Zahn.
Tirol wird erst 1800-1820 durch den Aufstand der Tiroler gegen Napoleon bekannt. Der Anführer
der Tiroler, Andreas Hofer, ruft in ganz Europa viel Bewunderung hervor und englische und deutsche
Dichter beginnen von dem Land zu schwärmen. Auch ziehen singende Tiroler als Wanderhändler in alle Welt.
Einige jodeln sogar vor dem Zaren in St. Petersburg, vor der Queen in London und sogar in Übersee.
Anfang des 19. Jh., im Licht der Romantik verlieren die Alpen ihre Schrecken. Die wilde Natur
wird sanft und schön - eine heile Gegenwelt zu den schmutzigen Städten. Es entsteht der Wunsch,
diese Landschaften aufzusuchen. Selbst der Kaiser Ferdinand I.wird von der Sehnsucht
nach schöner Landschaft angesteckt und schickt Künstler wie Jakob Alt aus, damit sie vom
Gardasee und allen Teilen Österreichs romantische Szenerien malen.
Hier wird gerne gepfiffen
Im Sommer zieht Europas Oberschicht in eines der berühmten Bäder. Doch wohin im Winter?
Meran hat zwar kein Heilwasser zu bieten, aber ein bekömmliches Klima, viel milder als nördlich der Alpen.
In Tirol hat die Kur eine lange Tradition, seit dem Mittelalter erholt man sich in einem der vielen „Bauernbäder“
- einfache Badehütten mit hölzernen Wannen. Im angrenzenden Gasthaus aber geht es hoch her.
In immer neuen Auflagen erscheinen Mitte des 19. Jh. Bücher über das Reisen. Sie schildern Land und Leute,
weisen den Weg zu Sehenswürdigkeiten und nehmen die Scheu vor der Fremde.
Viele Reiseführer nehmen das Bild, das Tiroler Wanderhändler von sich gaben, auf und formen es zum Klischee.
„Der Tiroler“, so heißt es in einem französischen Führer von 1823, „arbeitet selten ohne
dazu wenigstens zu pfeifen, hört er aber irgend eine Musik, so fängt er bald an, den Takt dazu
zu stampfen, mit den Händen zu klatschen und an Schenkel und Knie zu schlagen.“
Mit der Eisenbahn um 1860 schrumpfen die Entfernungen. Die Landschaft fl iegt an den Fenstern
vorbei, man reist nahezu mühelos. Die 1867 eröffnete Bahnlinie über den Brenner ist eine technische Sensation.
Auch Kaiserin Elisabeth ist 1870 bei ihrer ersten Fahrt von der Strecke begeistert. Unter den Einheimischen aber
verbreitet das Eisenross zunächst Angst und Schrecken.
Die Fremden kommen
Die Kirche sieht mit den Touristen viel Unheil nahen: städtische Kultur, liberale Ideen
und sündiges Leben. Doch ihr Widerstand ist vergeblich. Immer mehr Tiroler stellen sich
in den Dienst der Fremden. Die Unterkünfte in Tirol geben noch viel Anlass zu Klagen.
Wiener Baugesellschaften und andere auswärtige Investoren erkennen die Marktlücke.
In Meran und Arco, Gries und Toblach bauen sie große Hotels. Im neuen Südbahnhotel von
Toblach steigt 1887 der deutsche Thronfolger Friedrich ab. Nach dem Tod des beliebten
Monarchen wird Toblach zum Ziel vieler deutscher Gäste. In Folge werden um die Jahrhundertwende
Promenaden und einige noble Grand-Hotels mit bis zu 200 Bediensteten gebaut,
z. B. am Karer See wo auch Kaiserin Elisabeth abstieg.
Die Eroberung der Berge
Abenteurer wagen sich auf die höchsten Gipfel vor. Ihre Berichte begeistern vor allem
die Städter. Alpen-vereine errichten ein dichtes Netz an Schutzhütten und Wegen, die
Berge werden zum Erlebnisraum.
Im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) verteilt die preußische Armee schmucklose Kärtchen
an ihre Soldaten - für kurze Botschaften an die Angehörigen daheim. Das neue Medium wird
als Reiseandenken schnell populär. Anfangs gehört dem Adressenfeld eine ganze Seite.
Bis 1905 schrumpft es auf die Hälfte - damit das Postkartenidyll voll zur Geltung kommen kann.
Die richtige Etikette
Den meisten Arbeitern sind Ferien noch immer verwehrt, die Oberschicht aber gibt sich
dem Müßiggang hin. Sie genießt feines Essen und feiert rauschende Feste. Um in einem
Kurort passend gekleidet zu sein, hat man sich fünfmal am Tag umzuziehen.
Krieg im Ferienland 1914-1919
Die Glitzerwelt der Belle Époque versinkt im Ersten Weltkrieg, durch das Urlaubsparadies
verläuft die Front. Hotels werden zum Lazarett oder erleiden schwere Schäden durch Treffer.
Am Ende der Kämpfe ist Tirol geteilt.
Die Front als Attraktion
Die Kämpfe tragen zum Mythos der Alpen bei. Filme über die Dolomitenfront wie „Maciste alpino“ (1916)
oder „Berge in Flammen“ (1931) werden zum Kinohit, Schützengräben nach dem Krieg zur Sehenswürdigkeit.
Visitate l‘Alto Adige!
Die Annexion durch Italien bringt Südtirol unruhige Zeiten, aber auch neue Gäste. Kaum ist
der Krieg vorbei, kommen Italiener in Scharen. Reisend nehmen sie das neue Gebiet in Besitz.
Das faschistische Italien schafft viele der deutschen Namen ab. Sogar auf Postkarten werden
sie nicht mehr geduldet. Der Gebrauch des Wortes „Südtirol“ ist ab 1923 unter Strafe verboten.
„Alles im Staat, nichts außerhalb des Staates“.
Der Berg ruft
Der deutsche Bergfilm weckt von neuem die Begeisterung fürs Gebirge. Mann gegen Fels
- dieser Kampf fasziniert die Massen. Klettern und Wandern werden populär, das Skifahren
eröffnet eine zweite Saison und vermittelt ein neues, berauschendes Naturerlebnis - das
Kraftvolle, Sportive passt zum neuen Lebensgefühl. Der Mailänder Architekt Gio Ponti
plant 1930 die Erschliessung der Dolomiten mit einem 160 km langem Netz an Seilbahnen,
Höhenhotels und Restaurants. Seine Idee bleibt aber eine Vision.
Urlaubsträume werden wahr
Nach den Schrecken des Krieges sehnt man sich nach heiler Welt: nach Sonne und Süden,
rotem Wein und „Bella Italia“. Das Wirtschaftswunder verleiht dem Fernweh Flügel, Urlaub wird ein
Recht für alle Schichten. Das eigene Auto wird zum Vehikel der Urlaubsträume, „Autosternfahrten“
haben großen Zulauf. Lieder wie „Volare“ werden zu Hymnen auf amore und bella Italia.
Sie verstärken die Sehnsucht nach heiler Welt. Liebesfilme aus den Alpen tragen dazu
bei, das ländliche Idyll zum Urlaubsparadies umzuformen.
Dank eigenem Auto dringen Touristen in alle Täler vor. Viele Bauern erkennen die Chance
und richten Fremdenzimmer ein. Die familiären Kleinbetriebe gefallen durch ihre Gastfreundschaft.
Oft um den Preis, dass das Privatleben verloren geht.
Echo der Bomben
Eine Serie von Anschlägen verschärft 1961 den Südtiroler Kampf um Autonomie. Das Echo
in den Medien ist groß. Deutsche und Österreicher kommen erst recht: Urlaub als symbolische
Unterstützung. 1971 ist die Autobahn von Innsbruck zum Brenner fertig gebaut. Der
Abschnitt zwischen Brenner und Verona folgt drei Jahre später.
In kurzer Zeit steigt die Zahl der Autos, die über den Pass fahren, auf jährlich zwei Millionen.
Bei den Weltmeisterschaften 1970 in Gröden kann der junge Skistar Gustav Thöni die Erwartungen
zwar noch nicht erfüllen. Dann aber begeistern seine Erfolge ganz Italien. Das Skifahren
wird populär, Skiorte rüsten mit neuen Liften auf, neue Skigebiete entstehen.
In den Sechzigerjahren ist das Törggelen nur den Einheimischen bekannt. Doch dann wird
es als Touristenattraktion beworben, und schon bald kommen Zehntausende im Herbst zu
Kastanien und neuem Wein. Das Törggelen entwickelt sich zu einem Südtiroler Markenzeichen.
1972-1985 ist die letzte Blütezeit des Tourismus, doch Südtirol hat ungewöhnlich treue Urlauber,
die schon seit über 20 oder 30 Jahren herkommen.